Norwegen: Problemfall E-Auto

Hinter dem Steuer eines Tesla

 
 
 

Im Land der Fjorde sind Elektrofahrzeuge fast zu erfolgreich: Sie sorgen für geringere Maut- und Fähreinnahmen, die den Ausbau der Infrastruktur gefährden.

Will man den Menschen eine Weltregion zeigen, in der man es in Sachen E-Mobilität – fast – geschafft hat, fällt der Blick in Europa nach Skandinavien. „Norwegen macht Ernst“ titelte etwa kürzlich das Zweite Deutsche Fernsehen in einer Dokumentation, in der unter anderem mitgeteilt wurde, dass inzwischen 53 Prozent aller Neuzulassungen in dem Land Stromer sind und nicht mehr Verbrenner, während in Deutschland die Quote bei mickrigen 2 Prozent steht.

Das ist alles richtig – und in der Tat braucht man sich in Norwegen nur an ein gut befahrene Straße einer kleineren Stadt zu stellen, um innerhalb von einer halben Stunde fünf oder mehr Teslas vorbeifahren zu sehen. Und die Norweger sind ordentlich stolz auf ihre Leistung, schließlich haben sie in einem Land, in dem man schon aufgrund der Geografie viel fahren muss, demonstriert, dass man mit Akkubetrieb ganz normal leben kann.

Einnahmen für den Straßenbau

Allerdings hat das Image als E-Auto-Paradies zumindest landesintern allerlei Kratzer bekommen. Der Grund, warum es hier einen solchen Boom gab, ist nämlich simpel: Der Staat subventioniert seit Jahren auskömmlich. So zahlt man für Elektrowagen keine Mehrwertsteuer, was deren Preis auf das (üblicherweise extrem hohe) Niveau normaler Verbrenner absenkt. Dann gab es über lange Jahre diverse Vergünstigungen, die den E-Auto-Verkauf trieben.

So zahlt man in Norwegen in Regionen wie Bergen enorme Summen an Mautgebühren, die durchaus an ein Monatsgehalt im Jahr heranreichen können. Fuhr man E-Auto, fielen die plötzlich weg. Und auch Fähren, die man in den Fjorden braucht, kosten die Norweger quasi Arme und Beine – im Tarif ohne Vergünstigungen zahlt man bei leicht längeren Strecken schon mal 20 Euro, pro Überfahrt und Richtung, versteht sich. Auch hier blechte man als E-Auto-Besitzer plötzlich fürs Auto nichts mehr, nur ein kleiner Obolus für den Fahrer wurde noch fällig.

Das Problem: Die E-Autos sind mittlerweile quasi zu erfolgreich gewesen. Die EL-Nummernschilder, die bis 99.999 Stück hochzählen, sind längst vergeben, nun kommen EK und EV zum Einsatz. Manche Fähre und mancher Tunnel verzeichnen mittlerweile so viele „Elbiler“, dass signifikant zu wenig Geld in die Staatskasse kommt. Da in Norwegen Straßen fast ausnahmslos über hohe Mautgebühren finanziert werden, ist das ein echter Ausfall.

Steuereinnahmen fallen weg – und Infrastrukturgelder

Zuletzt verlor der Staat in einem Jahr Einnahmen und Abgaben in Höhe von 3 Milliarden Kronen, immerhin fast 300 Millionen Euro. Was nach wenig klingt, ist für ein Land wie Norwegen mit seinen 5,3 Millionen Einwohnern sehr viel Geld. Finanzministerin Siv Jensen musste kürzlich ihr Budget revidieren und griff dafür – ausgerechnet – auf Zusatzgeld aus dem Ölfonds, gespeist durch Steuereinnahmen aus Öl und Gas.

Die Regierung hat weiterhin das Ziel, im Verkehrsbereich auf CO2-Neutralität zu kommen. 2025 will das Land, dass alle Neuwagen E-Autos sind. Doch damit das funktioniert, muss der Staat darüber nachdenken, die Gebühren zu erhöhen.

Während die Einführung einer Mehrwertsteuer auf E-Autos – der Hauptgrund, warum sie vergleichsweise billig sind – zunächst tabu ist, zieht der Staat an vielen anderen Stellen die Daumenschrauben für Elektrofreunde an. So zahlt man in Städten wie Bergen bereits die Hälfte der Maut von Verbrennern, die kostenlosen Parkplätze reduzieren sich immer mehr (oder sie kosten einen Prozentteil regulärer Autos) und auf Fähren hat man mittlerweile auch verstanden, dass ein Elbil genauso viel Platz verbraucht wie ein Benziner.