Ist das Chaos vorprogrammiert? Jetzt kommen die E-Roller auf die Straße

Bis dato waren E-Roller die ein Tempo bis 20 km/h erreichen auf deutschen Straßen verboten. Das soll sich im kommenden Jahr ändern. Per Gesetz sollen die flinken Zweiräder ihren Platz im Verkehr erhalten. Eine gute Idee?

Motorfahrzeuge, die schneller als sechs Kilometer pro Stunde fahren, brauchen hierzulande für öffentliche Straßen eine Betriebserlaubnis sowie eine Versicherung. Den kleineren Elektrofahrzeugen wie Skateboards mit E-Motor oder den vor allen in den USA sehr beliebten E-Rollern fehlt sie in Deutschland. Wer doch mit ihnen im Straßenverkehr erwischt wird, den bittet die Polizei nicht nur mit 70 Euro zur Kasse, der ist sein Gefährt gleich mal los. Allein die Berliner Polizei beschlagnahmte in diesem Jahr bislang mehr als 60 der nicht erlaubten Elektrofahrzeuge. Die nun geplante Erlaubnis durch das Verkehrsministerium soll vorerst nur für die Elektro-Tretroller gelten. Die anderen kleinen Elektrofahrzeuge bleiben weiter verboten.

Mit bis zu 20 km/h auf dem Gehweg

Mit der offiziellen Zulassung dürfen E-Roller künftig mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde auf Fahrradwegen fahren. Gibt es keinen Radweg, müssen sie auf die Straße ausweichen. Gehwege sind tabu. Sie müssen ausgestattet sein mit einer „Lenk- oder Haltestange“, „zwei voneinander unabhängigen Bremsen“, „nach vorne und nach hinten wirkenden Fahrtrichtungsanzeigern“, also den üblichen Blinkern, und „einer helltönenden Glocke“. So steht es in der mehr als 40 Seiten langen Verordnung. Außerdem brauchen die kleinen Roller eine Versicherungsplakette, ähnlich wie Mofas und kleine Motorroller. Einen Helm müssen die Fahrer nicht tragen. Dafür müssen sie mindestens 15 Jahre alt sein und einen Mofa-Führerschein oder eine andere Fahrerlaubnis besitzen.

Die Vorgaben und der Aufwand sind also recht hoch. Und das, wo die E-Roller vor allem für kurze Strecken, etwa von der Wohnung zur Bushaltestelle oder vom Büro zum Einkaufen ein paar Straßen weiter. In US-amerikanischen Städten, in Moskau, Paris und Wien verbreiteten sich inzwischen Elektro-Tretroller zum Ausleihen. Ähnlich wie die Leih-Fahrräder, Car-Sharing-Autos und Elektro-Motorroller in deutschen Großstädten. Allerdings werden die kleinen Zweiräder gerade in den USA bereits zum Problem. Dort dürfen die Fahrer nicht nur die Gehwege benutzen, wo sie Passanten mit beachtlicher Geschwindigkeit um kurven, vielerorts bleiben die Roller, weil der Akku recht schnell leer gefahren ist, einfach an Ort und Stelle liegen. Auch von gestiegenen Unfallzahlen berichten die Medien in den USA.

Ein Sack von Problemen

Auch die Gefahr die das führen dieser Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr zwischen den viel schnelleren Autos, Motorrädern und auch Fahrrädern mit sich bringt wird nicht thematisiert. Zumindest solange nicht, bis das erste Roller-Opfer zu beklagen ist. Zu befürchten steht auch, dass sich das Selbstverständnis vieler Fahrradfahrer, auf Vorgaben der Straßenverkehrsordnung verzichten zu dürfen, auch auf die Rollerfahrer überträgt. Beide Fraktionen stehen dann aber den stärkeren Autos und ihren ebenfalls häufig auf ihr Recht pochenden Fahrern gegenüber. Eine ebenfalls ungeklärte Frage ist, wie sich die schnellen Tretroller auf holprigen und überfüllten deutschen Radwegen machen.

Doch diese Probleme sieht man in Deutschland noch nicht. Hier wird vorerst nur die Kritik an den umfangreichen technischen Vorschriften laut. Der TÜV-Verband begrüßte die neue Regelung grundsätzlich, monierte aber die geforderte Versicherungspflicht. Rechtlich würden die E-Tretroller Kraftfahrzeugen gleichgestellt und wären deswegen im öffentlichen Personennahverkehr verboten. „Eine Mitnahme in Bussen, S-Bahnen, Straßenbahnen und Zügen sollte aber grundsätzlich möglich sein.“ Außerdem sollte auch das Fahren mit den E-Skateboards und Hoverboards gesetzlich geregelt werden.

US-Firmen wollen auf den Markt

Auch der Bundesverband eMobilität (BEM) hält die technischen Anforderungen für zu umfangreich. Und Sandra Hass vom ADAC Berlin-Brandenburg meint: „Wenn das Gerät wirklich 30 Kilo wiegen würde, wäre das ein Problem für den öffentlichen Verkehr.“ Firmen wie Lime, die mit ihren E-Tretrollern bisher vor allem in den USA vertreten sind, wollen das Geschäft auch in deutsche Städte wie Berlin bringen. Reservieren, Starten und Bezahlen läuft wie beim Car-Sharing über Smartphone-Apps. Die Firmen laden die Akkus wieder auf.

Die deutschen Kommunen müssten regeln, wer die abgestellten Leih-Roller im Blick behält. Ein ähnlich schwieriges Unterfangen wie mit den Leihfahrrädern. In München beispielsweise ging die Firma Obike insolvent. Das Unternehmen mit Sitz in Singapur sah sich angesichts der Finanzschwäche nicht in der Lage seine 3000 bis 6000 Räder zu entsorgen. Nicht mehr genutzt lagen sie teilweise zerstört in Parks, auf Gehwegen oder hingen gar in Bäumen. Das Ende vom Lied war, dass die Stadt die Bikes verschrotten ließ.