Tesla Model 3 kann durchaus überzeugen

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Abseits unseres Tests entscheidet das Tesla Model 3 über die Zukunft des E-Auto-Pioniers – Produktions- und Lieferengpässe sorgen jedoch für Verdruss. Als erstes Fachmedium in Deutschland konnten wir bei ausgiebigen Test- und Messfahrten die elektrische Mittelklasselimousine auf Herz und Nieren prüfen.

Und da steht das Tesla Model 3 nun für unseren Test auf unserem Redaktionsparkplatz – der vielleicht spannendste Testwagen 2018, auf den wir seit Monaten mit großer Neugier warten. Kein anderes Fahrzeug hat seit seiner Premiere solche Kontroversen ausgelöst wie die Mittelklasselimousine des amerikanischen Elektro-Pioniers. Fakt ist: Die Zukunft von Tesla steht und fällt mit dem Model 3, denn den zahllosen blinden Vorbestellungen aus aller Welt und einem enormen E-Auto-Hype stehen massive Produktionsprobleme und Lieferengpässen entgegen. Wir wollen wissen, ob sich das Warten auf den Einstiegs-Tesla lohnt und wie er sich im harten Testalltag schlägt.

Test des Tesla Model 3 (2017)

Das Cockpit des Model 3 kennen wir bereits seit Monaten von Bildern, jetzt sitzen wir endlich drin: Jeder, der schon einmal ein Tablet bedient hat, kommt mit dem 15 Zoll großen Touchscreen gut zurecht. Das System reagiert sehr sensibel auf Berührungen und verfügt über eine messerscharfe Auflösung. Allerdings gibt es im Baby-Tesla – anders als in Model S und X – keine separaten Anzeigen hinter dem Lenkrad, sodass der Fahrer etwa zum Ablesen der Geschwindigkeit seinen Blick immer leicht nach rechts richten muss. Und das Erlernen der wichtigsten Fahrzeugfunktionen verlangt eine gewisse Eingewöhnung. Deutlich schneller haben Fahrer und Copilot sich mit den Platzverhältnissen arrangiert: Kopf- und Beinraum passen auch für großgewachsene Staturen, und die seitliche Bewegungsfreiheit liegt auf gutem Klassenniveau. Der geräumige Fond offeriert vor allem reichlich Beinfreiheit, allerdings zwingt die niedrig montierte Rückbank die Fondpassagiere in eine leicht kauernde Sitzhaltung.

Fahrkomfort: Spaltmaße verlaufen unsauber

Mit 425 Liter Volumen steckt der Laderaum des Kaliforniers einiges weg, und beim Umklappen der Rücksitzlehnen entsteht eineknapp zwei Meter lange und fastebene Fläche – praktisch für den Transport langer Gegenstände. Zudem bietet ein kleines Gepäckabteil unter der Fronthaube zusätzlichen Stauraum. Abstriche im Vergleich mit Konkurrenten à la Audi A4 oder BMW 3er verlangt der Tesla in puncto Qualität und Verarbeitung: So verlaufen viele Spaltmaße der Karosserie unsauber, und der linke Frontscheinwerfer unseres Model 3 schließt nicht bündig mit der Haube ab. Allerdings: Die Werkstoffgüte im Innenraum kann sich aufgrund wertiger – weil großflächig geschäumter – Kunststoffe sehen lassen. Zudem handelt es sich bei unserem Testwagen um einen amerikanischen Grauimport. Um jedoch den hohen Ansprüchen der europäischen Kunden gerecht zu werden, muss Tesla noch diverse Detailverbesserungen vornehmen.

Motor: Tesla Model 3 erreicht bis zu 225 km/h

Entriegelt und gestartet wird das Model 3 übrigens per Schlüsselkarte oder Smartphone. Und dann surren wir endlich los. Ansatzlos reagiert der Tesla auf Beschleunigungsbefehle und knackt nach gemessenen 5,8 Sekunden die 100-km/h-Marke. Selbst jenseits von 150 km/h geht das 1774 Kilogramm schwere Model 3 noch gut voran, sodass wir auf freier Autobahn laut Tacho die Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h erreichen. Wind- und Abrollgeräusche werden auch bei höheren Tempi wirkungsvoll gedämmt. Aufgrund der straffen Fahrwerksabstimmung reagiert der Tesla auf gröbere Fahrbahnschäden zwar zuweilen recht hölzern, wirklich unangenehme Stöße dringen zu den Passagieren jedoch nicht durch. Mit seinem niedrigen Schwerpunkt, der ausgewogenen Gewichtsverteilung und der – gewöhnungsbedürftig – direkt übersetzten Lenkung begeistert der Hecktriebler auf verwinkelten Landstraßen mit seinem dynamischen und gleichzeitig sicheren Fahrverhalten. Die Ganzjahresreifen mit amerikanischer Homologation schränken das sportliche Talent des Model 3 aber ein: Zum einen bauen sie in Kurven vergleichsweise wenig Grip auf, zum anderen bescheren sie dem Tesla Kalt- und Warmbremswerte jenseits der 40 Meter.

Reichweite im Test: 500 Kilometer mit Model 3 möglich

Besonders gespannt waren wir im Vorfeld auf die Reichweite des Stromers. Tesla verspricht für das Model 3 mit 75-kWh-Akku 500 Kilometer – das entspricht einem Stromverbrauch von 15 kWh pro 100 Kilometer. Bei unserem Testzyklus samt Volllastanteil auf der Autobahn beträgt der Verbrauch 17 kWh. Die Batterie konnten wir maximal mit 65 kWh wieder aufladen. So ergibt sich eine Reichweite von beachtlichen 382 Kilometern. Besonders ökonomische Fahrer erreichen Verbrauchswerte von unter zwölf kWh – dann sind sogar Reichweitenjenseits der 500 Kilometer möglich. Das Model 3 eignet sich also tatsächlich auch für längere Strecken und stößt die Tür zur voll praxistauglichen Elektromobilität weit auf. Offizielle Preise nennt Tesla für den deutschen Markt noch nicht. Wir rechnen mit rund 37.000 Euro Grundpreis für das Basismodell mit 50-kWh-Akku und mindestens 47.000 Euro für das von uns getestete Model 3 mit Long-Range-Battery. Wer übrigens jetzt bestellt, muss laut Herstellerangaben mit 12 bis 18 Monaten Lieferzeit rechnen. Allerdings haben sich die Wartezeiten bereits inder Vergangenheit immer wieder verlängert.

Unser Fazit

Dass Tesla massive Probleme mit Produktion und Auslieferung seines Hoffnungsträgers Model 3 hat, ist bekannt. Im ersten Test hinterlässt die E-Limousine jedoch einen überzeugenden Eindruck: Eine reale Reichweite von über 380 Kilometern ist eine Ansage und macht den Einstiegs-Tesla tatsächlich alltagstauglich. Pluspunkte sammelt der Ami außerdem mit seinem guten Raumangebot, dem innovativen Bedienkonzept und den sportiven Handlingeigenschaften. Die straffe Fahrwerksabstimmung schränkt jedoch den Komfort ein. Nachlegen muss Tesla vor allem in puncto Verarbeitungsqualität von Karosserie und Interieur. Unsaubere Spaltmaße und Passungen sowie teils einfache Materialien passen nicht zum hohen Preisniveau.